Blog zur Strategie

Fünf Kriterien für ein Geschäftsmodell, das trägt.

Warum gute Unternehmer an ihrem Modell scheitern und welche fünf Eigenschaften über Skalierbarkeit entscheiden.

Lesezeit etwa 8 Minuten

Es gibt Unternehmer, die alles richtig machen und trotzdem nicht vorankommen. Sie verkaufen gut, führen gut, arbeiten hart. Der Umsatz wächst, aber es bleibt nichts übrig, und jedes Jahr fängt der Kampf von vorne an. In den meisten Fällen liegt das nicht an den Fähigkeiten, sondern am Geschäftsmodell.

Alex Hormozi nennt das Geschäftsmodell ein Vehikel. Man kann ein sehr guter Fahrer sein. Wenn das Fahrzeug 80 fährt, kommt man trotzdem nicht schneller an. Viele Mittelständler haben Fähigkeiten auf hohem Niveau und ein Modell, das diese Fähigkeiten strukturell ausbremst.

Fünf Eigenschaften entscheiden darüber, wie leicht ein Unternehmen skaliert. Kaum ein Unternehmen erfüllt alle fünf. Schon eine davon konsequent umzusetzen verändert die Lage deutlich.

1. Bindung: verdienen Sie an denselben Kunden mehrfach?

Die wichtigste Frage lautet, ob Umsatz bleibt oder jedes Jahr neu erkämpft werden muss. John Paul DeJoria, Gründer von Paul Mitchell, hat es so gesagt: Man will im Wiederverkaufsgeschäft sein, nicht im Verkaufsgeschäft.

Dabei lohnt sich eine Unterscheidung. Die Kundenbindung zählt Köpfe und kann nie über 100 Prozent steigen. Ein Teil der Abwanderung passiert immer, weil Unternehmen umziehen, Ansprechpartner wechseln oder Geschäfte schließen. Die Umsatzbindung dagegen zählt Euro. Sie kann über 100 Prozent liegen, wenn bestehende Kunden mehr kaufen als abgewanderte verloren gehen.

Genau hier liegt der Hebel im Mittelstand. Wer einem zufriedenen Kunden nichts Größeres anbieten kann, verschenkt den einfachsten Umsatz, den es gibt.

Die Monate, die über Bindung entscheiden

Bei wiederkehrenden Modellen zeigt sich ein wiederkehrendes Muster. Der mit Abstand größte Verlust passiert im ersten Monat. Ein zweiter, kleinerer Einbruch folgt um den dritten Monat. Wer Kunden über den sechsten Monat hinaus hält, verliert danach kaum noch welche.

Daraus folgt eine klare Priorität. Die ersten dreißig Tage entscheiden. Nicht das Produkt, nicht der Preis, sondern die Frage, ob der Kunde in diesem ersten Monat ein Ergebnis sieht und das Gefühl hat, richtig entschieden zu haben.

Was Bindung in Zahlen bedeutet

Zwei Unternehmen wollen in drei Jahren bei 300 aktiven Kunden stehen. Unternehmen A verliert jedes Jahr alle Kunden und braucht deshalb 600 Neukunden. Unternehmen B hält seine Kunden und braucht 300.

Der Unterschied ist größer, als die Zahlen vermuten lassen. Unternehmen A muss seine Vertriebsmaschine dauerhaft hochfahren, zahlt dadurch höhere Akquisekosten pro Kunde und steht jeden Januar wieder bei null. Unternehmen B kann denselben Vertrieb kleiner halten, plant verlässlich und reinvestiert, was A für Wiederbeschaffung ausgibt.

2. Marge: bleibt genug übrig, um gut zu sein?

Hohe Bruttomargen sind kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, ein gutes Unternehmen zu führen. Sie bestimmen, ob Sie überdurchschnittlich zahlen können, ob Geld für Wachstum da ist und wie schnell investiertes Kapital zurückkommt.

Ein Vergleich macht es deutlich. Ein Unternehmen mit 100 Millionen Umsatz und 10 Prozent Marge verdient genauso viel wie eines mit 20 Millionen Umsatz und 50 Prozent Marge. Das zweite braucht dafür einen Bruchteil der Mitarbeiter, der Prozesse und der Nerven.

Niedrige Margen sind fast immer ein Zeichen dafür, dass die Leistung austauschbar wirkt. Der Weg nach oben führt deshalb nicht über Kostensenkung, sondern darüber, aus einer vergleichbaren Leistung eine unterscheidbare zu machen.

3. Markt: arbeiten Sie mit oder gegen die Strömung?

Gute Leute in einem schrumpfenden Markt verlieren langsamer als schlechte, aber sie verlieren. Kein Vertriebssystem gleicht dauerhaft aus, wenn die Nachfrage jedes Jahr kleiner wird.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Gegenwind und fehlendem Rückenwind. Ein neutraler Markt ist in Ordnung. Wer dort sauber verkauft, gewinnt Anteile von Wettbewerbern, die es nicht tun. Gefährlich sind nur Märkte, die strukturell abnehmen.

Für den Mittelstand heißt das zweierlei. Erstens: ehrlich prüfen, wohin das eigene Segment in fünf Jahren läuft. Zweitens: wenn der Markt schrumpft, früh in angrenzende Bereiche gehen, solange noch Geld für den Übergang da ist.

4. Aufwand: wie viel Reibung kostet jedes Wachstum?

Manche Modelle wachsen fast ohne zusätzlichen Aufwand. Andere brauchen für jeden Schritt neue Menschen, neue Flächen, neue Genehmigungen. Dieser Unterschied entscheidet darüber, ob Wachstum Freude macht oder zermürbt.

Dazu kommt der Kapitalbedarf. Wer für jedes Wachstum Geld aufnehmen muss, verliert Anteile oder zahlt Zinsen. Wer aus dem laufenden Geschäft finanziert, behält die Kontrolle.

Ein verbreiteter Irrtum lautet, man könne schwache Zahlen pro Auftrag durch Menge ausgleichen. Das funktioniert praktisch nie. Mehr Menge macht aus einem schlechten Auftrag keinen guten, sie vervielfacht ihn nur.

5. Unterschied: warum ausgerechnet Sie?

Ohne Eintrittsbarriere entsteht Preiskampf. Jeder kann morgen dasselbe anbieten, und der Kunde entscheidet über den Preis. Wer dem entkommen will, braucht etwas, das sich nicht in zwei Wochen nachbauen lässt.

Dafür gibt es mehrere Wege. Kapital, das Technik ermöglicht, die sich andere nicht leisten. Spezialwissen, das über Jahre entsteht. Geschützte Verfahren. Und die Marke, die aus einem austauschbaren Produkt ein bestimmtes macht.

Das bekannteste Beispiel für den Markenwert ist die Kosmetikbranche. Markenprodukt und Handelsmarke laufen oft vom selben Band. Der Unterschied im Regal ist das Etikett, der Unterschied an der Kasse ist der Preis.

Im Mittelstand entsteht dieser Unterschied selten über Werbung. Er entsteht über Spezialisierung, über nachweisbare Ergebnisse und über die Erfahrung, die Kunden in der Zusammenarbeit machen.

Was das für Dienstleister und Beratungen heißt

Die fünf Kriterien stammen aus einer Welt, in der Software und Medien die Beispiele liefern. Im Dienstleistungsgeschäft sehen sie anders aus, gelten aber genauso.

Bindung entsteht hier nicht über ein Abonnement, sondern über das, was nach dem ersten Auftrag kommt. Wer ein Projekt abschließt und dann wartet, ob der Kunde sich meldet, hat kein Bindungsmodell. Wer von Anfang an definiert, was die logische Fortsetzung ist, hat eines. Bei uns ist das der Unterschied zwischen dem ersten Mandat über zwölf Wochen und der Begleitung danach.

Marge hängt im Dienstleistungsgeschäft direkt an zwei Dingen: am Preis und daran, wie viel Zeit ein Auftrag bindet. Jede Stunde, die durch eine Vorlage, ein Playbook oder eine Automatisierung eingespart wird, verbessert die Marge ohne Preiserhöhung.

Aufwand ist die härteste der fünf Fragen, weil Dienstleistung nun einmal an Menschen hängt. Die ehrliche Antwort lautet selten, dass man ohne zusätzliche Leute doppelt so viel liefern kann. Die bessere Frage ist deshalb, welcher Teil der Leistung nicht von der Person abhängt und wie groß dieser Teil wird.

Eine Beispielrechnung, die oft unterschätzt wird

Ein Unternehmen hat 100 Kunden, jeder bringt 1.000 Euro Deckungsbeitrag im Jahr. Bei 50 Prozent Bindung bleiben nach einem Jahr 50 Kunden, der Wert eines Kunden über die Zeit liegt bei etwa 2.000 Euro. Bei 80 Prozent Bindung liegt derselbe Wert bei 5.000 Euro.

Die Akquisekosten sind in beiden Fällen ungefähr gleich hoch, denn sie hängen am Markt, nicht an der Bindung. Das heißt: Das zweite Unternehmen kann je Neukunde mehr als das Doppelte ausgeben und verdient trotzdem mehr. Es kann teurere Kanäle nutzen, bessere Verkäufer bezahlen und längere Verkaufszyklen aushalten.

Das ist der eigentliche Grund, warum manche Wettbewerber scheinbar unvernünftig viel für Werbung ausgeben können. Sie sind nicht mutiger, sie haben eine andere Bindung.

Wo anfangen, wenn mehrere Punkte fehlen?

Die Antwort ist eindeutig: bei der Bindung. Sie ist am schnellsten zu verbessern und wirkt auf alles andere. Wer Kunden länger hält, kann mehr für Akquise ausgeben, braucht weniger Neugeschäft, hat planbarere Zahlen und kann Preise ruhiger verhandeln.

Danach folgt die Marge, weil sie den Spielraum für alles Weitere schafft. Markt, Aufwand und Unterschied sind langfristige Entscheidungen, die man in Ruhe treffen sollte und nicht unter Druck.

Der häufigste Fehler: am Modell vorbei optimieren

Wenn ein Unternehmen nicht vorankommt, wird meistens an der Ausführung gearbeitet. Neue Werbekanäle, ein zusätzlicher Verkäufer, ein überarbeiteter Internetauftritt. Das ist nicht falsch, es wirkt nur begrenzt, wenn das Modell selbst bremst.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Dienstleister wollte mehr Umsatz und stellte zwei Verkäufer ein. Die brachten tatsächlich neue Aufträge. Weil jeder Auftrag aber einmalig war und die Marge knapp, stieg der Aufwand schneller als der Gewinn. Nach einem Jahr war der Umsatz höher, der Inhaber erschöpfter und der Gewinn gleich.

Die bessere Reihenfolge wäre gewesen, zuerst eine Anschlussleistung zu definieren und den Preis zu prüfen, und erst danach den Vertrieb zu verstärken. Dann hätte derselbe Vertrieb auf ein tragfähigeres Modell eingezahlt.

Was der Preis mit dem Modell macht

Der Preis ist die Stellschraube, die auf drei der fünf Kriterien gleichzeitig wirkt. Er bestimmt die Marge, er beeinflusst, welche Kunden kommen, und er entscheidet darüber, wie viel Betreuung man sich leisten kann.

Höhere Preise ziehen in der Regel Kunden an, die klarere Vorstellungen haben und seltener abspringen. Das verbessert die Bindung. Gleichzeitig entsteht Spielraum, in die Betreuung zu investieren, was die Bindung noch einmal erhöht. Niedrige Preise erzeugen den umgekehrten Kreislauf: weniger Zeit pro Kunde, schwächere Ergebnisse, mehr Abwanderung.

Deshalb ist die Preisfrage keine Verhandlungstaktik, sondern eine Entscheidung über das Geschäftsmodell.

Fünf Fragen für Ihr eigenes Modell

Nehmen Sie sich zwanzig Minuten und beantworten Sie diese Fragen für Ihr Unternehmen. Ehrlich, nicht so, wie es im Prospekt steht.

Bindung: Wie viel Umsatz kommt von Kunden, die vor einem Jahr schon Kunden waren?

Marge: Was bleibt nach allen direkten Kosten je Auftrag übrig, in Prozent?

Markt: Wächst die Nachfrage in meinem Segment, oder reden wir uns das schön?

Aufwand: Was genau müsste passieren, damit wir morgen doppelt so viel liefern?

Unterschied: Was können wir, das ein Wettbewerber nicht in drei Monaten aufbauen kann?

Wenn bei einer Frage keine klare Antwort kommt, haben Sie den Punkt gefunden, an dem die nächsten Monate Arbeit liegen.

Die fünf Kriterien gehen auf Alex Hormozi zurück. Einordnung, Beispiele und Fragen stammen aus unserer Arbeit mit mittelständischen Unternehmen.

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